Nachdem ich mich Anfang des Jahres bereits ausführlich mit dem ‘Relaunch’ der KOMPASS-Karten beschäftigt und sie getestet hatte, fiel mir nun dieses relativ neue Büchlein von 2024 zur Region Berlin/Brandenburg in die Hände. Das Sortiment von KOMPASS wird neben den herkömmlichen Karten, Wanderführern und Bildbänden immer unübersichtlicher und fragmentierter, so gibt es nun die Reihen ‘Inspirationen’, ‘Endlich’, ‘Dein Augenblick’ und viele weitere mehr.
Bei ‘Inspiration Berlin & Brandenburg’ handelt es sich tatsächlich um ein sehr kompaktes kleines Softcover-Heftchen, das in jede Jackentasche passt und immer einen Platz im Rucksack findet. Sagenhafte 45(!) Tourentipps werden im Inhalt untergebracht, was zunächst einmal fantastisch klingt, zumal der Preis ziemlich günstig ist.
Die Einteilung der Touren geschieht durch Autor Bernhard Pollmann klassisch grob nach den vier Himmelsrichtungen, die jeweils zu etwa gleichen Anteilen Berücksichtigung finden, hauptsächlich in Berlin/Potsdam und dem direkten Umland. Beim Durchblättern wird allerdings schnell klar, dass es sich hier im wahrsten Sinne nur um ‘Inspirationen’ zu Touren handelt, die sehr kurzen Beschreibungstexte beziehen sich nicht auf die Strecke, sondern picken sich meist nur wenige (kultur-)historische oder geologische Merkmale heraus und skizzieren diese. Das wirkt leider sehr steril und unpersönlich und wird den vorgestellten Routen in keinster Weise gerecht. Ein einziges Bild repräsentiert visuell die jeweiligen Tipps, dazu wird ein aus Darstellungsgründen sehr kleiner Kartenausschnitt mit der eingezeichneten Route geliefert. Die ÖPNV-Kompatibilität der Vorschläge ist meist zweitrangig, die Anfahrtsbeschreibung per eigenem PKW fällt dagegen eher ausführlich aus.
Die Streckenlängen betragen im Schnitt um die 10 Kilometer, einige Ausreißer wie die komplette lange Runde um den Werbellinsee erstaunen daher umso mehr.
Was die empfohlenen Wanderangebote betrifft, konnte ich neben den üblichen Klassikern (Briesetal, Hoher Fläming, Märkische Schweiz) einige Überraschungen ausmachen, die mir dann aber in mehreren Fällen wiederum seltsam suboptimal ausgearbeitet oder ‘unfertig’ vorkamen. Zwei Beispiele: Den Besuch der Rauener Berge mit der Umrundung des Petersdorfer Sees zu kombinieren, kann man sicher so durchführen, das komplette Ignorieren von Scharmützelsee und Bad Saarow dabei sehe ich aber als ‘bold move’ an. Die Piste durch die wüstenartige Schneise der Gaspipeline zwischen Kienbaum und Klein Wall als Großteil einer Löcknitztalwanderung zu wählen, erzeugt bei mir ebenfalls nur Kopfschütteln.
Höhepunkt der skurrilen Zusammenstellung ist die Empfehlung 33 im Buch: die Fahrt mit der BVG-Buslinie 100 durch Berlin. Was da wandert sind im schlimmsten Fall Wertgegenstände von der eigenen Jackentasche in eine fremde …
Verschweigen möchte ich dennoch nicht die Tipps, die ich gelungen finde, wie etwa die kleinen Runden im Prendener Seengebiet, um Teupitz und um die Gosener Berge.
Unschlagbarer Vorteil des Buches ist wie bei KOMPASS üblich, dass alle vorgestellten Touren per eigener App auf dem Smartphone mit dem nativen Kartenmaterial auswählbar und navigierbar sind. Wanderer, die mit den zwar visuell aussagekräftigen, aber im Detail deutlich reduzierten KOMPASS-Karten abseits der Markierungen vertraut sind und die vorgegeben Wege exakt nachwandern möchten, werden damit gut aufgehoben sein. Andere können natürlich jederzeit auch auf OpenStreetMap umstellen, um Alternativen und Erweiterungen auszuprobieren.
Am Ende stelle ich mir die Frage: wer ist eigentlich die Zielgruppe für die ‘Inspirationen’-Serie? Ich konnte bisher keine vernünftige Antwort darauf finden …
Für mich bleibt das Büchlein somit ein skurriler neuer Ansatz, der marketingtechnisch zwischen allen Stühlen sitzt und vielleicht als günstiger ‘Medien-Transformator’ die Brücke zwischen knapper analoger Ideensammlung und begleitender digitaler Navigation zu finden versucht.
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